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Was sind Anaphern?


Wenn in einem Text eine Person oder ein Gegenstand mehrmals erwähnt wird, geschieht dies mit Hilfe von sog. Anaphern, z.B.: Gestern hat mich ein Hund gebissen. Er (= "der Hund") rannte plötzlich auf mich zu. Oder auch: ... Das schwarze Riesenvieh rannte plötzlich auf mich zu - hier wird der vorerwähnte Hund durch die Anapher näher charakterisiert, nämlich als "schwarz" und "groß", ohne dass ausdrücklich gesagt werden muss ...und dieser Hund war schwarz und groß. Oft ist der Zusammenhang zwischen Anapher und Bezugswort auch nur indirekt und wird lückenhaft dargestellt, dennoch wird er vom Leser mühelos erschlossen, z.B. ... Die Zahnabdrücke sehe ich jetzt noch (= "die beim Biss am eigenen Körper entstandenen Abdrücke der Zähne des vorerwähnten Hundes" - doch diese Erklärung würde den Text nur umständlich und sperrig machen). Anaphern tragen somit zum sinnvollen Zusammenhang wie auch zur Ökonomie von Texten bei. Die Frage, wie Anaphern verstanden werden, beschäftigt gleich mehrere sprachwissen¬schaftliche Disziplinen. Z.B. müssen Grammatiker erklären, warum in dem Satz In der Nähe des Hundes fand er eine Bratwurst mit er nicht der Hund gemeint sein kann. Oft ist aber auch allgemeines Erfahrungswissen notwendig, um eine Anapher richtig zu zu ordnen, vgl.: Allein in Bukarest lassen sich täglich 100 bis 150 Opfer von Hundebissen behandeln. Tierschützer haben verhindert, dass die Straßenhunde von den Behörden getötet werden. Seitdem vermehren sie sich rasant. (aus der Bild-Zeitung vom 21.6.1996). Wer vermehrt sich rasant? Die Tierschützer? Die Hunde? Die Behörden? Rein grammatisches Wissen hilft hier nicht weiter, und für sprachverarbeitende Computer-Programme ebenso wie für psychologisch orientierte Theorien der menschlichen Sprachfähigkeit stellen gerade solche Fälle eine große Herausforderung dar.

(Manfred Consten, Pressetext zur Arbeitsgruppe "Anaphern" DGfS-Tagung Köln 2005)

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